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Stabat Mater (D383)
Das Stabat Mater ist eine lateinische Dichtung
aus dem späten 13. Jahrhundert, ein Gebet, das
die Gläubigen teilhaben lässt an den seelischen
Qualen, die Maria bei der Kreuzigung ihres
Sohnes erleiden musste. Dieses Mitleiden ist
den Betenden aus Liebe zu Maria ein grosses
Bedürfnis. Sie erhoffen sich dabei aber auch
Mariens Schutz und Fürsprache am Tag des
Jüngsten Gerichts. In der hierarchisch verfassten
katholischen Kirche ist Maria die höchste
Fürbitterin der Gläubigen (Heilige Maria,
Mutter Gottes, bitt für uns Sünder jetzt und in
der Stunde unseres Todes).
Zum Stabat Mater gibt es zahlreiche Vertonungen.
Jene von Giovanni Battista Pergolesi
aus dem Jahr 1736 hat den deutschen Dichter
Friedrich Gottlob Klopstock (1724 – 1803) so
sehr berührt, dass er dazu einen eigenen Text
verfasste (wie er schon oft zu einer
schönen
Melodie eigene Verse geschrieben hatte).
Klopstock war ein Vertreter des Pietismus,
einer protestantischen Erneuerungsbewegung,
die treu zur biblischen Verkündigung stand,
sie aber mit der ganzen Empfindsamkeit des
Gemüts erfassen wollte – im Gegensatz zur
damals mehr intellektuell geprägten Orthodoxie
in der Kirche Luthers.
Im protestantischen Glauben hat Maria
keinen Einfluss auf die Errettung der Menschen,
denn im protestantischen Verständnis wird
der Mensch allein durch seinen Glauben an
Christus vor ewiger Verdammnis geschützt. Als
Mutter Jesu geniesst Maria aber auch hier viel
Zuneigung. Seiner Bibeltreue entsprechend
übernimmt Klopstock im ersten Teil seiner
Dichtung eine Szene aus dem Johannes-
Evangelium (die in Pergolesis lateinischem
Stabat Mater fehlt): «Es stand aber bei dem
Kreuze Jesu seine Mutter … Da nun Jesus
seine Mutter sah und den Jünger dabeistehen,
den er liebhatte, spricht er zu seiner
Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn!. Darnach
spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist
deine Mutter! Und von der Stunde an nahm
sie der Jünger zu sich.» (Joh. 19, 25 – 27; vgl.
Arie und Chor, Nr. 2 und 3 auf Seite 11). Mit
allen Fasern seines empfindsamen Gemüts
gibt sich Klopstock hinein in die vielfältigen
Emotionen dieses berührenden Augenblicks
(Nr. 4 – 7).
Im zweiten Teil (ab Nr. 8) spricht Klopstock
jedoch seinen alleinigen Erretter an,
den gekreuzigten Christus, den «Sohn des
Vaters»; und er macht sich zum Sprecher der
christlichen Gemeinde, seinen «Brüdern»,
die er aufruft, im irdischen Leben ihr eigenes
Kreuz ebenso geduldig zu ertragen, um sich
der verheissenen ewigen Seligkeit würdig zu
erweisen. Klopstocks Stabat Mater ist somit
nicht eine Übersetzung des mittelalterlichen
lateinischen Textes, sondern eine persönliche
Auslegung zum Passionsgeschehen aus
protestantischer Sicht in einem emotionalen
pietistischen Stil.
Schubert entdeckte Klopstocks Dichtung
auf einem Blatt, das einer Partitur von
Pergolesis Stabat Mater beigelegt war. Es
verwundert nicht, dass er Lust verspürte, diese einfühlsamen Verse zu vertonen. Vollendet
war das Oratorium am 28. Februar 1816, in
der Fastenzeit vor Ostern.
Schubert gliederte den Text in 12 Sätze.
Dabei betonte er bewusst die oben erwähnte
Zweiteiligkeit des Werks, indem er die beiden
Schlusssätze (Nrn. 7 und 12) mit einer Fuge
beginnen liess. Vierstimmige Chöre wechseln
mit solistischen Arien oder Ensembles. Die
Chöre sind vorwiegend homophon komponiert
(im Gleichklang der Stimmen). Ihnen
ist jene schlichte, warme Melodik eigen, die
Schuberts Lieder auszeichnet. Unüberhörbar
unterstützt die Musik Klopstocks Emotionen.
Im zweitletzten Satz des ersten Teils (Nr. 6)
begleitet die Oboe die Tenorarie mit erschütterndem
Seufzen und Wehklagen (Trauer unter
dem Kreuz). Im zweiten Teil wächst dagegen
der vorletzte Satz (Nr. 11) zu einem grossen
romantischen Höhenflug an unter Beteiligung
aller Singstimmen und Instrumente (Vorfreude
auf die ewige Seligkeit). Das Einsetzen der
nachfolgenden Amen-Fuge (Nr. 12) führt unsanft
auf festen, irdischen Boden zurück.
Messe in Es-Dur (D950)
Als Hofsängerknabe war Schubert früh mit
der lateinischen Liturgie vertraut. Sein eigenes
religiöses Empfinden ging jedoch weit über
das Angelernte, über die festen Texte hinaus
auf eine umfassendere Gottesgegenwart in der
Natur, in atmosphärischen Stimmungen, in der
Musik. Im Kreis seiner Freunde scheute man
sich auch nicht, frei zu denken und kritisch
zu urteilen. Schubert stand der Kirche skeptisch
gegenüber. In seinen Messvertonungen
liess er deshalb jene Glaubenssätze weg, zu
denen er nicht stehen konnte. So hat er auch
in der Es-Dur-Messe innerhalb des Credos den
Glaubenssatz an die heilige, katholische und
apostolische Kirche nicht vertont.
Als Mitglied der Hofkapelle wird Schubert
die meisten Messen von Haydn und Mozart
mitgesungen haben. Von seinen eigenen sechs
Messvertonungen stehen deshalb die ersten
vier noch stark in der Tradition der Wiener
Klassik. Die beiden letzten jedoch, jene in As-
Dur und Es-Dur, sprengen mit ihrer formalen
Weite den gewohnten Rahmen. Es sind grosse
sinfonische Werke, zu gewaltig, um im Gottesdienst
aufgeführt zu werden. Schubert schuf
die Es-Dur-Messe in seinem Todesjahr 1828,
das von Krankheit, aber auch von grossem
Schaffenseifer geprägt war. Die Uraufführung
durfte er nicht mehr erleben.
In den zwölf Jahren zwischen dem Stabat
Mater (1816) und dieser Messe (1828) ist in
Schuberts Werken die Romantik in ihren grossen
Dimensionen aufgeblüht. Beeindruckend
sind die mannigfaltigen Klänge: Breit strömen
sie dahin, wogen auf und ab, fliessen ineinander
über und wachsen bisweilen zu einer Dichte
an, als hätte Schubert die Klangfarben der
späten Romantik vorausgeahnt. Beeindruckend
sind aber auch die grossen Kontraste: Dahinschmelzende
Pianissimi werden bisweilen
abrupt von erschreckend erregten Fortissimi
durchbrochen. Die Solisten kommen in diesem vorwiegend chorischen Werk nur dreimal zum
Einsatz (Et incarnatus est, Benedictus, Agnus
Dei).
Demütig und doch eindringlich erklingt
das (homophon gesungene) «Kyrie eleison».
Das «Gloria» (normalerweise vom Priester intoniert),
wird vom Chor a cappella eröffnet. Fanfarenartig
setzt das Orchester ein. Im «Gratias
agimus» schliesst sich ein Wechselgesang der
Frauen- und Männerstimmen an. Kräftige Posaunenklänge
stützen die oktavierten eindringlichen
Anrufe Gottes im folgenden «Domine
Deus»; das Tremolo der Streicher verdeutlicht
die innere Erregung.
Geheimnisvoll beginnt das «Credo» mit
seinem melodischen Höhepunkt, einem
lyrischen Terzett von abgeklärter Schönheit,
begleitet von sanft wiegenden Triolen der Streicher:
«Et incarnatus est». Der Chor interpretiert
das anschliessende «Cruzifixus» in düsterem
Pianissimo (ppp), unterbrochen von einem
gequältem Aufschrei (fff). Ein Paukenwirbel
kündet an: «Et resurrexit!».
Das «Sanctus» ist geprägt von der überwältigenden
Begegnung mit der unendlich
grossen Heiligkeit Gottes. Sie beruht auf
einer Vision des Propheten Jesaja (Jes. 6, 1—3).
Weicher und inniger erklingt im «Benedictus»
der melodiöse Wechselgesang zwischen dem
Solistenquartett, dem Chor und den Bläsern. Es
ist der Willkommensgruss an Jesus bei seinem
Einzug in Jerusalem fünf Tage vor Ostern
(Johannesevangelium 12, 12—13). Mit einem
flehenden Anruf beginnt das «Agnus Dei», verstärkt
durch Hörner und Posaunen. Die Angst
vor Sünde und ewiger Verdammnis wird spürbar.
Leise, aber inständig bittend schliesst sich
das «Miserere» an; liedhaft beginnt das «Dona
nobis pacem». Es steigert sich leidenschaftlich,
bis es nach einem letzten aufflammenden Fortissimo
leise verlöscht.
Verena Stähli |