 |
Der Komponist
Joseph Haydn wurde 1732 in Rohrau,
einem Dorf in Niederösterreich,
geboren und starb 1809 in Wien.
Während knapp dreissig Jahren, von
1761 bis 1790, stand er als Hofkapellmeister
im Dienst der hochangesehenen
und unermesslich reichen
Fürsten von Esterházy. Ihr Stammsitz
befand sich 40 km südlich von
Wien im damals ungarischen Eisenstadt
(heute Hauptstadt des Burgenlandes).
Zu ihrer bevorzugten Residenz
wurde jedoch Schloss Esterháza
am Südende des Neusiedlersees,
erbaut von Fürst Nikolaus Josef dem
Prächtigen, der von 1762 bis 1790
regierte. Im Zentrum der gewaltigen
Anlage stand ein Opernhaus, denn
Musik stand hoch im Kurs. Dem Fürsten
und seinen vielen Gästen hatte
Haydn mit seinen Hofmusikern täglich
zur Verfügung zu stehen. Seine
Kompositionen gefi elen, sein Ruhm
breitete sich aus.
1790 wurde Haydn vom Londoner
Konzertunternehmer Salomon nach
England eingeladen. Da seine Konzerte
mit neuen Kompositionen (u.a.
den «Londoner Sinfonien») grossen
Anklang fanden, folgte dem ersten
langen Aufenthalt bald ein zweiter.
Salomon versuchte auch, Haydn
die Vertonung eines englischen
Librettos, «einer Art Schöpfungsgeschichte», schmackhaft zu machen.
Mangels genügender Englischkenntnisse
konnte sich Haydn jedoch nicht
sonderlich dafür erwärmen. Zurück
in Wien, kam ihm der kaiserliche Hofbibliothekar, Baron Gottfried van
Swieten, zu Hilfe. Er übersetzte und
kürzte das besagte Libretto, worauf
Haydn komponierte. Im März 1799
fand die erste öffentliche Aufführung
der «Schöpfung» statt. Von allen
Publikumsschichten wurde das Werk
verstanden, umjubelt und als Hörerglück
gepriesen.
Bereits hatte Haydn ein weiteres
deutsches Oratorium in Arbeit: Baron
van Swieten war in England auf ein
Epos gestossen, das sich als Fortsetzung
der «Schöpfung» eignete: «The
Seasons». Wiederum verfasste er für
Haydn eine deutsche Version. Auch
die «Jahreszeiten» wurden bei ihrer
Uraufführung im Mai 1801 umjubelt.
Doch Haydn war am Ende seiner
Kräfte. Das disziplinierte mehrstündige
Partiturschreiben Tag für Tag
(wie sein Diener es schilderte) hatte
den bald Siebzigjährigen überfordert.
Diese Belastung hat sich in den
«Jahreszeiten» jedoch nicht niedergeschlagen.
Bis zum Schluss bleiben
sie reich an musikalischen Einfällen,
Schwung und Kraft.
Zum Libretto
In Haydns «Schöpfung» erzählen
Erzengel die Erschaffung der Welt
und Engelchöre preisen Gottes
gewaltiges Wirken. Auch die ersten
Menschen, Adam und Eva, kommen
zu Wort. Die «Jahreszeiten» liegen
dagegen ausserhalb des Paradieses:
Landleute, sozusagen Nachfahren
des ersten Menschenpaares, schildern
ihr irdisches Dasein im Jahreslauf
der Natur. Als Vorlage diente das
Epos «The seasons» des schottischen
Dichters James Thomson, entstanden
1726 bis 1730. In seiner Übersetzung
und Bearbeitung soll Gottfried van
Swieten vor allem jene Teile übernommen
haben, in denen Haydn sich
heimisch fühlen konnte. Van Swietens
Sicht des einfachen Landlebens
war stark idyllisch geprägt, was dem
Blickwinkel der damaligen gehobenen
Gesellschaft entsprach, die
kaum je mit harter bäuerlicher Arbeit
konfrontiert wurde.
Zur Musik
Von seinen Zeitgenossen wurde
Haydn als gemütvoller Mensch
beschrieben, frohmütig, liebenswürdig
und friedfertig. Er war ein
begeisterter Spaziergänger, ein
Naturfreund mit grosser Beobachtungsgabe,
der es auch liebte zu
fi schen und zu jagen. Die Gegend
des heutigen Burgenlandes südlich
von Wien mit seinem fruchtbaren
Ackerland und dem berühmten
Rebbau war seine Welt. Es scheint,
als habe er mit den «Jahreszeiten»
ein grosses musikalisches Gemälde
seines Lebensraums hinterlassen.
Mozart hat Haydns Fähigkeiten
früh erkannt: »Keiner kann alles,
schäckern und erschüttern, Lachen
erregen und tiefe Rührung und alles
gleich gut als Haydn». In der Tat vermochte
Haydn in den «Jahreszeiten»
die im Libretto vorgegebenen Naturereignisse
wie auch die vielfältigen
Regungen und Reaktionen der Menschen
überzeugend in Töne umzusetzen,
von der Demut bis hin zum
Übermut, von der Trauer bis zum
Jubel, vom Allzumenschlichen (sei
es Derbheit oder Häme) bis hin zur
Bewunderung und Anbetung des
Göttlichen. Dabei kamen fast alle musikalischen Stilformen des 18.
Jahrhunderts zur Anwendung. In den
erhabenen Chören zur Ehre Gottes
griff Haydn zurück auf die vom
Barock ererbte Polyphonie (Fugen).
In einigen Partien des «menschlichen
Bereichs» wirken der galante und der
empfi ndsame Stil noch nach, andere
Sätze erklingen in der edlen Schönheit
und Würde der hohen Klassik.
Manch klangliches Stimmungsbild
lässt bereits die Romantik erahnen. Mit ihrer volksliedhaften Schlichtheit
scheinen einige Arien und Chöre die
Lieder Schuberts vorzubereiten. In
seinem langen Leben war es Haydn
vergönnt, die Entwicklung vom
Barock zur Klassik bis hin zur aufblühenden
Romantik massgebend mitzugestalten.
In seinem Todesjahr 1809
sang der zwölfjährige Franz Schubert
bereits als Sopranist in der Wiener
Hofkapelle mit. Im gleichen Jahr
wurde Felix Mendelssohn geboren.
Verena Stähli |